Ciao-Sescu
Benno
Unser nächstes Land auf dem Weg nach Hause ist Rumänien. Ein Land mit eher zweifelhaftem Ruf. Ich bin gespannt, was sich seit meinem letzten Besuch verändert hat.
Palace of Parliament




Ein Punkt auf meiner “einmal-im-Leben-besuchen-Liste” ist der Palace of Parliament in Bukarest. Es ist das schwerste Gebäude der Welt und das zweitgrösste Regierungsgebäude, nur das Pentagon ist noch grösser. Und es ist wirklich beeindruckend. Im 20. Jahrhundert hat man Paläste nicht für Götter und nicht für Könige errichtet, sondern für Bürokraten.
Es stellt sich die Frage, wieso ein Land wie Rumänien so ein Gebäude braucht. Braucht es selbstverständlich nicht. Aber Rumänien war eine sozialistische Republik, geführt vom Diktator Nicolae Ceaușescu und seiner Frau Elena. Ceaușescu war ein Vollblut-Stalinist und hatte offensichtlich ein Ego-Problem. Er wollte einen Regierungssitz bauen, der seinem Selbstbild und der Macht der Rumänen angemessen ist. Dafür liess er einen ganzen Stadtteil mit 50'000 Einwohnern plattwalzen.
Eins muss man Ceaușescu zugestehen: Er hatte Geschmack. Das Innere des Gebäudes ist zum Teil atemberaubend schön. Sicher: pompös, aber niemals geschmacklos. Der Art-Deco Konzertsaal ist mit etwas vom Besten, was ich gesehen habe. Eine wunderschöne Arbeit. Man kann nicht anders, als die regionale Handwerkskunst zu bewundern.
Der Bau des Gebäudes dürfte einen Grossteil der Staatsausgaben verschlungen haben. Und so nahm das Unterfangen dann auch kein gutes Ende für die Ceaușescus. Sie wurden in einem Schauprozess zum Tode verurteilt und mehr oder weniger live im TV erschossen, noch vor Fertistellung des Gebäudes. Das war 1989, ich war damals 10 Jahre alt und erinnere mich noch daran. In der Schule haben wir Witze gemacht über Ciao-Sescu und meine Eltern waren aufgewühlt. Nicht weil sie irgendwas von Ceausescu hielten oder daran zweifelten, dass er bekommen hat, was er verdiente, aber es war eine verrückte Zeit mit totalem Kollaps des Warschauer Paktes und öffentlichen Hinrichtungen. Der Kommunismus hat diese Länder komplett zerstört, politisch, ökonomisch und moralisch. Millionen haben ihr Leben verloren. Die Wunden sind auch 35 Jahre danach noch deutlich spür und sichtbar.
Politik



Politisch brodelt es in Rumänien gewaltig, und das liest man nicht nur in der Zeitung, man spürt es bei den Menschen. In Bukarest treffen wir Bogdan, der hier lebt und den Alex bei ihrem Kattraining in Athen kennengelernt hat. Bogdan ist ein Grummli vor dem Herrn und obwohl es ihm gut zu gehen scheint, spürt man den Frust. Alle seien korrupt und faul, mit Glück werden seine Enkel die Fertigstellung der Autobahn erleben, weil das Geld irgendwo versickert. Bogdan erklärt uns auch, was es mit den teilweise komplett zerfallenen Liegenschaften an bester Lage auf sich hat: Die Kommunisten haben alle enteignet und heute ist nicht immer klar, wer der Besitzer ist und damit verantwortlich. Des Weiteren werden die Häuser von Zigeunern (seine Wortwahl) besetzt, und diese werden vom Staat geschützt; die Besitzer haben das Nachsehen. Mit etwas Glück stürzen die Häuser beim nächsten Erdbeben ein und man kann endlich neu bauen. Dass dabei viele Zigeuner sterben werden scheint kein grösseres Thema zu sein.
Die Politische Situation ist ein wildes Durcheinander. Der Staat ist nicht in der Lage Steuern einzutreiben. Die Inflation liegt bei über 5% and das Haushaltsdefizit ist das Höchsten in der EU. Ich versuche mal Zusammenfassen was ich verstanden habe.
Nachdem ein Rechtsextremer-Kremlin-Troll einen ersten Wahlgang gewonnen hat, haben sich die etablierten Parteien zusammengerauft und eine grosse Koalition gebildet. Aber die hassen sich alle mit grosser Leidenschaft. Jeder noch so kleine Reformversuch stirbt im Parlament. Die Koalitionsregierung funktioniert überhaupt nicht. Alle betreiben ungenierte Klientelpolitik. Und so kommt es, wie es kommen muss: Die Linke paktiert, trotz gegenteiligem Versprechen, mit Rechtsaussen und bringt die Regierung zu Fall. Dem Präsidenten platzt der Kragen und er ernennt im Alleingang einen neuen Regierungschef und riskiert damit eine Spaltung der Linken.
Eigentlich mehr oder weniger normale Vorgänge in einer Demokratie. Aber es kommen reichlich Einmischungen von aussen dazu in Form von Social Media Kampagnen und Verschwörungstheorien. Einmischungen von Russland, aber auch von MAGA-Spinnern wie Stephen Bannon, und auch die EU hat natürlich eine Meinung. Dann treffen noch russische und ukrainische Drohnen das NATO-Land und verbreiten Angst und Schrecken. Die Leute werden weichgespült. Meine Touristenführerin auf der Walkingtour in Bukarest meint ernsthaft, dass es bald Bürgerkrieg geben wird und sie bereit sei, in der ersten Reihe zu sterben. Sie sagt allerdings auch, dass sie in Therapie ist, so, evtl. ist sie nicht ganz repräsentativ.
Transfăgărășan



Ein weiterer Punkt auf meiner Bucket-List ist die Transfăgărășan. Die Strasse führt quer durch die Karpaten und wurde von niemand Geringerem als Jeremy Clarkson zur schönsten Strasse der Welt erklärt. Nun, was Passstrassen angeht, sind wir Schweizer nicht so leicht zu beeindrucken. Die 150 Kilometer Strecke ist aber schon sehr spektakulär und was wir in der Schweiz definitiv nicht haben: Braunbären, die sich am Strassenrand sonnen und Touristwatching betreiben, als wäre es das Normalste der Welt. Wir übernachten auf dem Pass, wo wir Charly’s fünften Geburtstag feiern und erstaunlich gut essen.
Dracula



Am nächsten Tag fahren wir die Transfăgărășan runter in die Hauptstadt Transsilvaniens, Sibiu, wo wir zwei Nächte bleiben. Hier scheinen die Querelen der Bucharester Politik weit weg zu sein. Die Stadt ist herausgeputzt und top restauriert, man sieht kaum ein baufälliges Haus und die Einwohner scheinen voll und ganz mit dem jährlich stattfindenden Theaterfestival beschäftigt, eines der grössten der Welt. Seit 20 Jahren versucht die Altstadt UNESCO-Weltkulturerbe-Status zu bekommen, keine Ahnung, wo es klemmt. Ich habe definitiv schon grösseren Mist gesehen mit dem Status.
Wir fahren weiter nach Timișoara, wo wir eine letzte Nacht in Rumänien verbringen, um dann nach Budapest weiterzureisen wo uns die Hitzewelle treffen wird der wir bis jetzt entkommen sind.
Fazit Rumänien


Rumänien hat uns super gefallen und war mega spannend. Die Leute sind gut drauf und interessiert. Aufgrund meines letzten Besuchs vor 20 Jahren habe ich mir Rumänien ärmlicher vorgestellt, als es tatsächlich ist. Auch Rumänien ist heute ein ganz normales europäisches Land mit Lamborghinis und Hipstercafés.